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Es geht voran – könnte aber schneller gehen

Zur Situation der Frauen in den Führungspositionen des Sport

Erschienen im Magazin Gender Mainstreaming Politikfähig

Die gute Nachricht zuerst: In den letzten Jahrzehnten lassen sich in Bezug auf das Thema Frauen in Führungspositionen viele positive Entwicklungen erkennen. In den meisten europäischen Ländern ist die formelle Gleichstellung zwischen Mann und Frau gesetzlich geregelt. Im Januar 2019 berichtete der Spiegel, dass innerhalb des Jahres 2018 in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft der Frauenanteil gestiegen ist – von 7,3 auf 8,6 Prozent. Auch im Sport schaffen es immer mehr Frauen in die Führungsebenen.

Fotos: Andrea Bowinkelmann


Nun die weniger gute Nachricht: Der Wandel vollzieht sich langsam und sehr uneinheitlich. Nach wie vor bestehen große geschlechterbezogene Ungleichheiten in allen Bereichen des Sports – von der Sportausübung (Breiten- und Spitzensport) über die hauptberufliche Verwaltung und Medienrepräsentation bis hin zum Ehrenamt. Das Ziel Geschlechtergerechtigkeit liegt noch in weiter Ferne.

„In der sportwissenschaftlichen Forschung liegt schon seit einigen Jahren der Fokus nicht mehr auf diesem Thema“, erklärt Michaela Werkmann vom Institut für Sport und Sportwissenschaft der Technischen Universität Dortmund. „Zwischen 2000 und 2008 erschienen viele Studien, die sich mit Fragestellungen zu Frauen in ehrenamtlichen Führungspositionen beziehungsweise Führungsgremien beschäftigten, und dies aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. In den letzten zehn Jahren ist das Thema innerhalb der Sportwissenschaft jedoch in den Hintergrund gerückt und ‚Geschlecht‘ wird meist – wenn überhaupt – nur als eine von vielen ‚Ordnungskategorien‘ mitgedacht. Neue Studien mit dem Fokus auf Führung und Geschlecht im Sport liegen daher nicht vor.“


 

Michaela Werkmann, Sportwissenschaftlerin, Vizepräsidentin Deutscher Turner-Bund


So liefert derzeit der Gleichstellungsbericht des Deutschen Olympischen Sportbundes die einzigen aktuellen statistischen Zahlen zu diesem Thema. Der aber eine positive Entwicklung aufzeigt: Es gibt eine Tendenz hin zu mehr Frauen in Führungsgremien in Sportorganisationen. Allerdings mit viel Luft nach oben.

 

Es ist Zeit, sich zu fragen, ob das, was man schon seit Jahrzehnten so macht, und was schon immer so war, noch zeitgemäß ist.

Michaela Werkmann

 

Der Landessportbund Nordrhein-Westfalen ist zum Thema Geschlechtergerechtigkeit sehr gut aufgestellt. Der Frauenanteil im Präsidium liegt bei 37,5 Prozent, der LSB steht an Platz 2 des DOSB-Gleichstellungsberichts. Die unterschiedlichen Programme und Formate zur Förderung von Frauen in Führungspositionen fruchten. Damit geht der LSB mit gutem Beispiel voran, denn 2017 erreichten nur vier von 16 deutschen Landessportbünden einen Frauenanteil von mehr als 30 Prozent in ihren Präsidien.

Auch in den Spitzenverbänden und den Verbänden mit besonderen Aufgaben, die sich 2017 an der Umfrage des DOSB beteiligt haben, ist ein Anstieg des Anteils von Frauen in den Top-Positionen zu verzeichnen. Er liegt bei 18 Prozent, was immerhin einen Zuwachs von 2,4 Prozent, verglichen mit dem Jahr 2014, bedeutet. Aber können wir von einer den Mitgliederzahlen entsprechenden Parität sprechen?

„Auch auf der sportpolitischen Ebene in den Verbänden, Bünden und Vereinen hat das Thema der Gleichstellung von Frauen und Männern nicht mehr den gleichen Stellenwert, wie noch vor etwa zehn Jahren. Und das, obwohl der DOSB-Gleichstellungsbericht nachweist, dass Frauen nach wie vor in den Führungsgremien unterrepräsentiert sind“, erklärt Michaela Werkmann. „Diese vertikale Segregation geht mit einer horizontalen Ungleichverteilung einher. So sind Frauen, wenn sie in eine Führungsposition gelangen, nach wie vor eher für die sozialen Themenfelder verantwortlich, Männer häufiger für den Leistungssport und die Finanzen. Der Sport in seiner Geschlechtertrennung reproduziert sich also – vor allem, wenn wir uns die vorrangig weiblich besetzten Felder anschauen“, so die Sportwissenschaftlerin.

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Programme zur Förderung von Frauen sind vielleicht notwendiger denn je. In den letzten Jahren beteiligte der Sport sich engagiert an der Heterogenitäts-, Integrations- und Inklusionsdebatte, denn sie ist für den Sport wichtig. Allerdings geriet dabei das Thema Sport und Geschlecht in den Hintergrund. Nun gilt es, das Augenmerk wieder verstärkt auf die geschlechterbezogene Gleichstellung zu lenken.

 

Frauen stellen nur knapp ein  Viertel der Delegierten der DOSB-Mitgliederversammlung (…).  Damit wird in der Gesamtheit der  Delegierten die Empfehlung der 30-Prozent-Quote nicht umgesetzt. Frauen sind damit weder adäquat zu ihrem Anteil in der Mitgliedschaft vertreten noch entsprechend  eingebunden, wenn es darum geht, weitreichende sportpolitische  Entscheidungen zu treffen.

(aus Gleichstellungsbericht des DOSB 2018)

 

Michaela Werkmann sieht zwei Voraussetzungen für das Gelingen: Erstens ist es grundsätzlich wichtig, motivierte Leute für ehrenamtliche Aufgaben im Sport individuell anzusprechen und zu fördern, unabhängig von ihrem Geschlecht. Sportverbände, -bünde und -vereine in Deutschland sind sehr heterogen, vom kleinen Verein bis zum DOSB. Das heißt, jede Organisation benötigt ihren individuellen Ansatz. Eine wichtige Bedingung gilt aber immer: Das Thema Gleichstellung muss zu einem Grundsatzthema gemacht werden und darf nicht in einem Gremium ohne Wirk- und Entscheidungskraft isolieren sein. Damit eröffnen sich ganz andere Möglichkeiten.

Zweite Voraussetzung: Die Thematik der Frauenförderung aufrechterhalten und immer weiter sensibilisieren. Sie darf nicht hinter allen anderen wichtigen sport- und gesellschaftspolitischen Themen hintenanstehen. Denn es geht nicht mehr nur um Frauen und Männer, sondern um die Frage: Repräsentieren wir im Präsidium wirklich die Interessen unserer Mitgliedschaft?

„In vielen Verbänden gibt es in den Präsidien und Vorständen nur wenige Frauen, kaum junge Gremienmitglieder oder Mitglieder mit Migrationshintergrund oder einer Beeinträchtigung. Damit spiegelt die Führung der Sportorganisation nicht die Vielfältigkeit der Mitgliedschaft wider“, so Werkmann. „Diese Strukturen zu ändern, ist ein zäher und schwieriger Prozess, der aber sein muss, wenn gerade junge Menschen im Ehrenamt gefördert und unterstützt werden sollen. Es muss sich also alles um die grundsätzliche Frage drehen, wie der Sport Menschen dazu bringen kann, sich zu engagieren.“

Hilfreich wäre hier das bisher häufig übliche Vorgehen bei Gremienwahlen zu verändern, schlägt die Wissenschaftlerin vor. „Es wird oft schon im Vorfeld einer Wahl bestimmt, wer sich zur Kandidatur stellen sollte. Dieser Prozess ist in der Regel nicht öffentlich. Aber wovor sollte ein Verein oder Verband hier Angst haben? Der Begriff ‚Kampfabstimmung‘ hört sich zwar erst einmal erschreckend an, aber dies ermöglicht erst einen demokratischen Entscheidungsprozess, denn nur dann haben die Mitglieder tatsächlich eine Wahl. Diese Dinge müssen Sportverbände, -vereine und -bünde individuell und strukturell hinterfragen und dabei darf die Geschlechterperspektive nie vergessen werden.“

 

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