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Politik mit Charme und Biss

Interview mit Andrea Milz, Staatssekretärin für Sport und Ehrenamt des Landes Nordrhein-Westfalen
Erschienen im Magazin Gender Mainstreaming Politikfähig

Sie gilt als Paradiesvogel im nordrhein-westfälischen Landtag. Staatssekretärin Andrea Milz fällt immer auf. Wer sie einmal getroffen hat, vergisst ihren Namen nicht. Fünf Stunden Schlaf, 19 Stunden Aktivität – ein Pensum, das andere in die Erschöpfung führen würde, ist für die Politikerin Quelle für neue Energie. Privat spielt sie Schach und leitet Zumbakurse, an ihrem Amt liebt sie den Kontakt zur Basis, perfekte Organisation und eine klare Ansage. Wir haben sie zur Politikfähigkeit von Frauen und zum Verhältnis zwischen Ehrenamt und Politik befragt.

Autorin: Nicole Jakobs | Fotos: Andrea Bowinkelmann


Frau Milz, Sie sind hauptberufliche Staatssekretärin und in Ihrer Freizeit Trainerin für Zumba und Kuratoriumsmitglied der Alexander-König-Stiftung. Wo liegen Ihrer Meinung nach die Unterschiede zwischen Ihrer ehrenamtlichen und Ihrer politischen Arbeit?

Einer der größten Unterschiede liegt in der Entscheidungsmöglichkeit. Im politischen Hauptamt kann ich Leuten sagen, was sie tun sollen, im Ehrenamt muss ich sie bitten. Ich muss schauen, welche Kapazitäten diese Leute haben, ich muss ihre Lebensumstände kennen. Wenn ich als Staatssekretärin meinen Abteilungsleiter anrufe und sage: ‚Wir treffen uns morgen um drei‘, dann weiß ich, er ist um drei da, weil er dafür bezahlt wird. Wenn ich Vorstandsmitglieder frage, wann wir die nächste Sitzung machen, dann haben alle ihre individuellen Schwierigkeiten, überhaupt einen gemeinsamen Termin zu finden. Ich muss mir immer klarmachen: Nicht nur ich mache das völlig ehrenamtlich, die anderen auch. Es ist also eine völlig andere Herangehensweise.

Ehrenamt ist also das demokratischste Amt, das man sich vorstellen kann?

Ja, es ist tatsächlich eine echte Demokratie, weil alle Leute morgen früh sagen können, ich will das nicht mehr. Und dann habe ich zum Beispiel als Vorsitzende ein Problem und muss für Ersatz sorgen. Und ich muss mich selbst fragen, was ich dazu beigetragen habe, dass der- oder diejenige das Ehrenamt niedergelegt hat. Manchmal sind das private Gründe, aber oft ist es auch so, dass es auf der zwischenmenschlichen Ebene nicht geklappt hat. Und dann muss ich mich selbst hinterfragen, wo der eigene Anteil ist. Und ich muss mich im Ehrenamt fragen, ‚Bin ich bereit, Macht zu teilen?‘ – was ich beruflich ja nicht unbedingt brauche.

Geht Politik ohne Ehrenamt? Oder geht Ehrenamt ohne Politik?

Politik ohne Ehrenamt: Erschreckenderweise habe ich viele Kollegen auf meinem Weg kennengelernt, die Politik als eine Art Funktionärstätigkeit begreifen, nach dem Motto: Ich informiere mich an meinem Schreibtisch, indem Expertinnen und Experten mich briefen, dann weiß ich, wie die Welt funktioniert. Das sind oft Politikerinnen und Politiker, die nie ein Ehrenamt gehabt haben oder wenn doch, dann einen Vorsitz innehatten, wohlwissend, dass die Geschäftsstelle ohne sie lief. Ich mag eher die Leute, die sich im Ehrenamt auskennen. Denn die sind meistens sehr praktisch und vergewissern sich immer bei ihren Wurzeln, ob das, was sie tun, nach drei, vier Jahren in Düsseldorf oder Berlin, überhaupt noch das ist, was die Leute zu Hause wollen. Mein Korrektiv ist auch heute immer noch die Umkleidekabine meines Turnvereins, weil ich da die ungeschminkte Meinung meiner Leute habe. Die ändert sich auch mit meinem Hierarchiestatus nicht.


 


Und umgekehrt? Welchen Nutzen hat das Ehrenamt von der Politik?

Es kommt auf die Ebene an. Sobald ich eine Führungsposition im Ehrenamt einnehme, sollte ich mich politisch vernetzen. Entweder, indem ich selbst als sachkundige Bürgerin im Rat sitze oder indem ich mich als Expertin in Gremien wählen lasse. Dort brauche ich den direkten Zugang zur Bürgermeisterin oder zum Bürgermeister vor Ort oder auch zur Kommunalpolitik.

Wenn ich Strukturen verändern will, dann geht es nicht ohne Politikfähigkeit. Ich muss reden können, ich muss mich melden können, ich muss auch lernen, mich durchzusetzen und meine Wünsche zu artikulieren. Wenn ich zum Beispiel dringend Veränderungen in der Struktur meiner Organisation benötige, damit die Ehrenamtlichen gut arbeiten können, dann muss ich mich melden. Die Welt wartet nicht darauf, dass ich ganz vorsichtig vor mich hinarbeite und dann irgendwann auch mal einen Sonnenstrahl abbekomme. Nein, heute reagiert die Welt eher auf diejenigen, die laut sind, auf die, die Klinken putzen, die klingeln, die ‚Hallo‘ rufen.

 

Wenn ich Strukturen verändern will, dann geht dies nicht ohne Politikfähigkeit. Ich muss reden können,
ich muss mich melden können, ich muss auch lernen,
mich durchzusetzen und meine Wünsche zu artikulieren.

 

Inwiefern benötigen Frauen dann Politikfähigkeit im Ehrenamt?

Politikfähigkeit bedeutet ja nicht, dass ich jetzt auf einmal ein Ratsmandat anstreben muss, sondern, dass ich die Wege kenne, wie ich meine Ziele realisieren kann. Wenn ich den Weg nicht kenne, stehe ich vor einem riesigen Universum. Aber auch, wenn ich den Weg kenne, können da immer noch Steine liegen. Die nächste Frage ist also: Wie räume ich die Steine weg? Frage drei: Wen brauche ich noch dazu?

Alles lebt von Mehrheiten. Egal, ob in einem Verein, in der Kommunalpolitik oder woanders: Etwas gegen alle anderen durchzusetzen, funktioniert nicht. Ich muss also Politikfähigkeit definieren als das Wissen, wo der Weg ist, wie ich die Steine wegräume, wen ich dafür brauche und wie ich diese Person dafür gewinne. Wenn ich nicht politikfähig bin, bleibe ich diejenige, der nur mit ihrem Heft auf den Knien dasitzt und etwas aufschreibt.

Sie müssen also, um politikfähig zu sein, in der Lage sein, gewisse Strategien zu entwickeln.

Selbstverständlich. Strategien wie beim Schach. Im Schach habe ich gelernt, dass auf dem Brett beide gleich starten. Und so sehe ich das auch. Ich lasse es nicht gelten, wenn wir immer wieder behaupten, die Menschen hätten so unterschiedliche Startchancen. Wesentlich ist, was ich aus meiner Chance, egal wie ich sie definiere, mache. Ich bin ein Arbeiterkind, ich habe nichts geschenkt bekommen und ich komme trotzdem immer irgendwo an. Deswegen würde ich mir wünschen, es wie beim Schach spielen zu sehen. Alle starten genau gleich, alle haben auf dem Brett die gleiche Ausgangssituation. Und der Rest ist Strategie, Überlegen und manchmal Korrigieren.

Korrigieren gehört also auch zur Politikfähigkeit?

Auf alle Fälle: Ich muss mich auch korrigieren können. Und das fällt, glaube ich, Frauen leichter als Männern. Wenn Männer einmal sagen „Das ist aber mein Weg“, ist es ihnen egal, auch wenn ihr Weg sie immer weiter in den Dschungel hineinführt. Bis sie eben dort umkommen. Da würde eine Frau eher umdrehen und sagen „Da könnte es doch noch einen Weg geben.“ Das schätze ich an Frauen. Sie diskutieren tatsächlich über andere Wege. Das ist wieder typisch Frau, das ist unsere Stärke, nutzen wir sie einfach!

Müssen Frauen lernen, sich durchzusetzen, wenn sie in Führungspositionen wollen?

Ich denke, ja. Bei mir fing das schon in der Schule an. Ich war in einem naturwissenschaftlich-mathematischen Leistungskurs und wir waren nur zwei Mädchen, der Rest war Jungs. Ich musste mich bemerkbar machen, sonst wäre ich untergegangen. Heute ist es nicht viel anders. In Sitzungen zum Beispiel, finde ich es wichtig, auch optisch meinen Platz in Besitz zu nehmen. Männer tun dies instinktiv. Sie stützen ihre Arme auf, legen alles, was sie besitzen, auf den Tisch und breiten Arme und Beine aus. Oft sind Frauen eher dazu geneigt, alles in ihrem Schoß zu halten und sich klein und nett zu machen. Diesen optischen Faktor sollte eine Frau sich anschauen, wenn sie in eine neue Situation kommt, zum Beispiel bei einem neuen Job oder in einem Meeting. Ich schaue dann erst einmal, was machen hier die Platzhirsche. Und breite mich dann ähnlich optisch aus, egal ob mir das gefällt oder nicht. Dann räume ich erst mal alles, was auf meinem Tischareal liegt, weg. Selbst wenn ich nichts als mein Tablet auf den Tisch lege – das ist mein Stück Tisch. Ich markiere damit meinen Anteil. Das gehört mir, ich bin hier gleichberechtigt. Da mach ich mich nicht kleiner und sortiere meine Akten auf dem Schoß.

Es geht also nicht darum, sich den vorhandenen Gepflogenheiten anzupassen?

Nein, es geht nicht darum, dass Frauen sich anziehen oder verhalten sollen wie Männer und dann gehört ihnen der Tisch. Es geht darum zu lernen, sich selbst wertzuschätzen. Denn wenn ich mich nicht wertschätze, tun andere das auch nicht. Ich muss nicht immer nur auf den Putz hauen, aber ich muss davon überzeugt sein, gut zu sein, in dem, was ich tue. Das muss aus mir selbst erkennbar herauskommen.

Es geht darum, ich selbst zu bleiben und trotzdem zu signalisieren: „Dies ist mein Platz und es bleibt meiner und ich breite mich aus. Als Rheinländerin kann ich das. Ich würde Frauen nie empfehlen, bissig zu werden. Wenn ich zu einem Mann sage „Sie können mich mal“, würden alle am Tisch dies befremdlich finden, aber wenn ich als Rheinländerin sage „Liebelein, du kannst mich mal“, dann hört sich das lustig an und alle lachen. Gemeint ist aber dasselbe.

 

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